Geschichte des Statuenbaus

 

Im Gebiet des heutigen Afghanistan, auf dem Handelsweg von Kabul nach Bamiyan, waren bis ins 8. Jahrhundert Ton und mit Strohhäcksel vermengter Lehm die bevorzugten Materialien für die Auskleidung, die Reliefs und die Skulpturen der buddhistischen Höhlen.

Vor und während der tibetischen Besetzung der Stadtoasen an der Seidenstraße von etwa 650 n. Chr. bis 850 n. Chr. wurden bedeutende Skulpturen aus ungebranntem Lehm und Wandmalereien für die buddhistischen Höhlentempel an der ehemaligen Handelsstraße gefertigt. Die Höhlentempel in Kizil, die Kirinhöhle in Shorchuk, in Kuntura und die Höhlentempeln von Dunhuang waren geschmückt mit bemalten Lehmstatuen und Wandmalereien. An der nördlichen Seidenstraße im östlichen Zentralasien (China) verwendete man Ton und Lehm für die Ausgestaltung der Höhlen in Kucha, Turfan, Dunhuang, Shorchuk und Kizil,[1] während an der südlichen Seidenstraße überwiegend Stuck genommen wurde.

Einige Beispiele der ungebrannten Lehmstatuen aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammen aus den Höhlen an der Seidenstraße und sind heute in Museen der Länder untergebracht, die am Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Expeditionen in die buddhistischen Höhlen durchführten. Auch im Museum für ostasiatsiche Kunst in Berlin Dahlem sind Malereien und Statuen aus dem 8. Jahrhundert zu bewundern. Heute kann man froh sein über die Aneignung dieser Kunstschätze. Sie wurden vor der Zerstörung durch andere Kulturen bewahrt. Die Statuen im Berliner Museum bestehen häufig aus einem Holzgerüst, um das der mit Strohhäcksel vermischte Ton modelliert wurde. Bruchstellen an den Skulpturen offenbaren Material und Technik. Die Plastiken sind matt bemalt.

In Tibet wurden die ersten Tonskulpturen in unterschiedlichen Techniken hergestellt. Zumeist wurde Lehm um einen Kern aus Stein und Holz modelliert. Kleinere Statuen wurden häufig massiv aus Lehm gebaut. Die Lehmskulpturen in den Höhlentempeln an der Seidenstraße aus dem 5. bis 8. Jahrhundert zeigen, dass dem Ton Pflanzenfasern beigemengt wurden, anscheinend, um mehr Stabilität zu erlangen und das Schwinden beim Trocknen geringer zu halten. Die Pflanzenfasern verbinden die ansonsten nebeneinander liegenden Tonpartikel, die ungebrannt keine haltbare Verbindung eingehen. Der Tibetologe Christian Luczanits befasst sich in seinem umfangreichem Werk Buddhist Sculpture in Clay eingehend mit dem Thema der Lehmstatuen im Westhimalaya vom 10. bis ins frühe 13. Jahrhundert. Hier sind wunderbare Beispiele des frühen Lehmstatuenbaus zu sehen.Neben den gut gebauten Statuen sind am Ende des 13. Jahrhunderts nachlässig gefertigte Lehmstatuen zu finden: Der Kern bestand nun oftmals aus Stroh, das um ein Holzgerüst gewickelt war. Um das Stroh modellierte man eine relativ dünne Schicht aus Lehm. Während der chinesischen Kulturrevolution[2] zerstörten die chinesischen Truppen viele der Skulpturen, Gliedmaßen wurden abgebrochen, die dünne Lehmoberfläche verletzt. Die meisten der tibetischen Skulpturen aus den Tempeln überlebten die Kulturrevolution nicht und sind nur noch auf den Fotografien der frühen Tibetbesucher, beispielsweise dem italienischen Orientalisten Guiseppe Tucci[3], erhalten.

Nach der Kulturrevolution wurden und werden in Tibet bis in die Gegenwart Lehmskulpturen gebaut. Heute vermischt man Ton mit grobfaserigem Papier (ähnlic dem Japanpapier) und baut die Skulpturen hohl auf. Durch die Aufbautechnik und das dünn zu verarbeitende, trotzdem stabile, Material können Skulpturen, die nicht überlebensgroß sind, leichter transportiert werden.

Unabhängig von den politischen Entwicklungen in Tibet konnten die buddhistischen Künstler in Ladakh die Tradition des Statuenbaus ununterbrochen weitergeben.

Auch im Königreich Bhutan werden noch heute ungebrannte Tonstatuen gebaut. Die bhutanesischen Künstler haben die Technik immer weiter ausgefeilt und darin eine führende Meisterschaft erlangt.

Die Tonskulpturen aus Bhutan sind außergewöhnlich fein gearbeitet. Anfangs verwendete man Pflanzenfasern, die dem Ton beigemengt wurden und durch die die ungebrannten Tonstatuen eine innere Stabilität erhielten. Heute fügt man Baumwollwatte hinzu.

 

Europa

Seitdem der Buddhismus in den 1970er Jahren nach Europa gekommen ist, werden auch hier Statuen für Tempel und buddhistische Zentren in Auftrag gegeben. In Frankreich, wo der traditionell gelebte, monastische tibetische Buddhismus sehr stark vertreten ist, wurde 1974 der temple de mille bouddhas (Tempel der 1000 Buddhas) in La Boulaye unter der Leitung von Kalu Rinpoche (1904-1989) gebaut.

Für die Meditationshalle schufen bhutanesische Künstler drei riesige Statuen von Guru Rinpoche, Buddha Shakyamuni und der Grünen Tara. Die bis zu sechs Meter hohen Statuen modellierten sie um einen Kern aus Mauersteinen, Holz, Stoff und Mantrarollen mit baumwollversetztem Ton. Europäische, künstlerisch ambitionierte Buddhisten hatten die einmalige Gelegenheit, diesem Ereignis beizuwohnen und mitzuarbeiten. So kam das Wissen um den Statuenbau in der bhutanesischen Tonskulpturentechnik zum ersten Mal in den Westen.

 

[1]  Kucha, Turfan, Duanhuang, Shorchuk und Kizil sind Gebiete, die um das Tarimbecken im Westen der chinesischen Volksrepublik angesiedelt waren.

Kizil, Kucha, Turfan and Duanhuang, Shorchuk are territories witch were located around the Tarim basin in the West of the Chinese People's Republic.

[2]  ab 1966 since 1966

[3]  Guiseppe Tucci (1894 -1984), italienischer Orientalist, Schwerpunkt: Tibet und Geschichte des Buddhismus. Die Fotografien seiner und Eugenio Ghersis Tibetreisen aus den 30ger Jahren befinden sich im Tucci Fotoarchiv in Rom (IsIAO).

Guiseppe Tucci (1894 -1984), Italian Orientalist, focus: Tibet and the history of Buddhism. The photographs of his and Eugenio Ghersis´ travels to Tibet from the 1930s are collected in the Tucci Fotoarchiv in Rome (IsIAO).