Aus der Praxis: Bau einer Lehmstatue in Ladakhi-Technik

 

Am 12. Februar 2010 kam Chhemet Rigzin im Buddhistischen Zentrum Braunschweig an. Schon einen Tag später war laut Chhemet ein „auspiciuos day“, ein bedeutungsvoller Tag, an dem wir unbedingt mit der Statue, eine Höchste-Freude-Statue-in-Vereinigung, beginnen mussten. Zuerst las Chhemet einen Text auf Tibetisch, von dem wir kein Wort verstanden. Doch er verriet zumindest, dass die Preisung an Guru Rinpoche gerichtet war. Anschließend legten wir die Größe der Statue fest und suchten einen Holzstab, der als Maßstab dienen sollte. 150 cm Höhe sollte die Statue haben. Nun musste man die kleine Einheit, den SOR ausrechnen. Mit dem Zirkel wurden die Einheiten auch auf ein Papierband übertragen. Auf diese Weise lassen sich die Proportionen auch bei plastischen Arbeiten kontrollieren.

Die Maße in der buddhistischen Ikonometrie sind keine absoluten Maße, wie die allgemein bekannten Zentimeter oder Inch, sondern relative Maßeinheiten. Durch die Anwendung des Maßsystems kann der Künstler proportional „richtige“ Figuren in unterschiedlichsten Größen erarbeiten: Sowohl eine Miniaturdarstellung als auch eine überlebensgroße Malerei oder Statue in den festgelegten Maßen. Die in der Praxis der buddhistischen Künstler verwendete Größe ist das Sor. Ein Sor ist die Breite an der Wurzel des mittleren Fingers. Ein Gesicht (tib.: zhal) oder eine Handspanne (tib.: mtho) nennt man die große Maßeinheit. Bei einigen Buddha-Formen misst das Gesicht 12 Sor und bei anderen 12 1/2 Sor. Teilt man die große Einheit in zwölf gleiche Einheiten, ergibt sich die kleine Einheit, welche dem Sor entspricht. Ein Viertel dieser kleinen Einheit wird Grundeinheit (tib.: rkang pa) genannt, die Hälfte davon heißt Korn (tib.: nas) Der Statuenbauer teilt die gewünschte Gesamthöhe der Statue, die in Zentimetern oder Fuß vom Auftraggeber vorgegeben wird, durch die festgelegten Einheiten des jeweiligen Proportionstypen. Es gibt unterschiedliche beispielsweise Maßvorgaben für Buddhas, weibliche Buddha-Formen, Schützer und Bodhisattvas. So kommt er zu der kleinsten Maßeinheit für genau diese Statue.Die Anwendung der richtigen Proportionen ist notwendig, um die Statue oder das Bild für die Meditation nutzen zu können.

Im Gegensatz zur bhutanesischen Technik baut Chhemet zuerst einen Kern aus einem Sand-Tongemisch. Dieser wird, nachdem er getrocknet ist, mit Baumwollstoff, getränkt in Haut-Mehlleimkleber bezogen oder mit Holzleim bepinselt. Die letzte Schicht besteht aus Jutegewebe. Ist dieser Stoff getrocknet, schlägt man das Ton-Sandgemisch heraus. Dann modelliert der Statuenbauer zuerst mit einer Jute-Ton-Leimmischung und anschließend mit feinerem Baumwoll-Leim-Ton. Einzelne Formen wie Gesicht, Hände und auch Kleidungssegmente werden separat auf Holzbrettern modelliert und anschließend mit Leim an den plastischen Körper geklebt. Wiederkehrende, gleichförmige Elemente wie Lotosblüten, Schädel und Ornamente werden gezeichnet, modelliert und in Gips oder Wachs abgeformt. Die si entstandenen Negativformen können anschließend beliebig oft mit dem Ton-Gemisch ausgeformt werden. Das Polieren aller Formen ist ein Prozess, der mit Geduld ausgeführt werden sollte. Die stehenden Figuren sind durch starke Bandeisen und Schrauben innerhalb des Sockels mit diesem befestigt. Draht verbindet die Hände mit dem Rumpf. Die ganze Konstruktion ist entgegen der fragilen Wirkung äußerst stabil. Die Festigkeit gleicht der von Holz. Sind alle Elemente modelliert und angebracht, wird in der Ladakhi-Tradition die Statue bemalt. Früher nahm man Mineralpigmente, heute bemalt der Statuenbauer die Statue mit leuchtenden Farben bestehen. Zum Schutz wird die Statue mit Klarlack überzogen. Diese Arbeitsschritte haben wir bisher aus Geschmacksgründen nicht übernommen. Die Verwendung von Farbe ist ein langfristiges Forschungsfeld.

 

Petra Förster, 8/2017